Quo Vadis – Arztpraxis?
Die Herausforderungen nehmen intensiv zu. Und wieder beschäftige ich mich mit dem Gedanken, wohin die niedergelassene Ärzteschaft sich bewegt, bzw. getrieben wird.

Die Perspektive der niedergelassenen Ärzte ist in einem dynamischen Prozess. Die Konzentrationsaktivitäten werden weiterhin rasant steigen. Die „Treiber“ (überwiegend nicht negativ zu beurteilen) sind bekannt. Inhabergeführte große MVZ Konstrukte werden expandieren. Die Private Equity Gesellschaften (PWE) bleiben nach wie vor aktiv am Markt, trotz politischer Stolpersteine und die überlebenden Krankenhäuser – ausgezehrt durch die unkalkulierbaren dilettantischen irrlichternden „Aktivitäten“ des Bundesgesundheitsministers versuchen u.a. durch MVZ Gründungen ihr Überleben zu sichern.
Meines Erachtens ist der Trend zu größeren Konstrukten trotz mancher Negativa überwiegend positiv zu betrachten. Denn erstens sinkt die Bereitschaft bei jungen Ärzten, bestehende Praxen zu übernehmen (Work-Life-Balance, Feminisierung). Und zweitens verdichten sich die Anforderungen an die niedergelassenen Ärzte dermaßen, dass das quadropolare Spannungsfeld, in dem sich der niedergelassene Arzt befindet, grundsätzlich nur noch im Team zu meistern ist.
1. Spannungsfeld: „Ethos und Arzt“
Der Arzt genießt höchste Vertraulichkeit. Der Patient vertraut weniger auf den Erfolg, sondern auf dessen ärztliche Kompetenz.
- Er nimmt ihn in seiner Omnipotenz als Diagnostiker und Therapeut wahr (Helfer und Heiler).
- Er hat eine höchste Erwartungshaltung.
- Der Arzt ist für ihn die moralische Integrität (unter ethisch abgesicherten Rationalisierungsüberlegungen).
Die Spannung wird erzeugt, weil:
- der Arzt keine Garantie auf den Erfolg, allenfalls auf das Bemühen um den Erfolg, geben kann.
- der Arzt permanent den Spagat leisten muss, zwischen dem Willen und dem Wohl des Patienten.
- der Arzt, durch die „evidenzbasierte Medizin“ (EbM), in seiner freien Praxis absolut gefordert ist, weil die EbM die Integration von höchstpersönlichem, praktisch und theoretisch, erworbenem Wissen, in die wissenschaftlichen Erkenntnisse fordert, aber diese wissenschaftlichen Erkenntnisse global aus der gesamten Welt, aufgrund der bestehenden Medienlandschaft, auf den Arzt hereinprasseln¹.
Allein schon die Aufarbeitung der weltweit gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse erfordert ein hochspezialisiertes Fachwissen, gepaart mit:
- dem technischen und wissenschaftlichen rasanten Fortschritt,
- dem aufgeklärten, besser informierten (lästigen?) Patienten (der älter, kommunikationsbedürftiger und aufgeklärter ist) und vielfach mit Migrationshintergrund ausgestattet ist, was zu linguistischen, Zeit raubenden Gesprächen führen kann,
- der durch das GKV-VSG geschaffenen Zweitmeinung,
- den erweiterten bürokratischen Anforderungen – 23% seiner Arbeitszeit verbringt der Arzt mit Bürokratie,
- der durch die Mittelknappheit geschaffenen Interessenkollision – entstanden durch notwendige Behandlungen, aber begrenztes Budget, mit möglichen Regressforderungen (hier bilden sich Verbesserungen ab).
Diese hier beschriebene Situation zwingt den Arzt geradezu, sich mit den Spannungsfeldern „Ethos und Arzt“ und „Arzt und Unternehmer“ intensiv zu beschäftigen, da diese beiden Spannungsfelder interdependent sind.
2. Spannungsfeld: „Arzt und Unternehmer“ (Kaufmann)
Was makro-ökonomisch (gesundheitspolitisch) durch die Verknappung der Mittel und die erhöhten Möglichkeiten durch technischen Fortschritt und Wissenserweiterung, gerechterweise gefordert ist (d.h. mehr Geld), muss mikro-ökonomisch (praxisspezifisch) erlaubt sein. Dies ist interdependent mit dem Ethos des Arztes zu sehen und ist notwendig und absolut richtig.
Es darf keine Schande sein, wenn der Arzt als Unternehmer, den von ihm geschaffenen Gewinn, neben der Patientenzufriedenheit (beim Unternehmer Kundenzufriedenheit), als den objektiven Applaus für sein erfolgreiches kaufmännisches Unternehmertum akzeptiert und auch genießt.
Daraus resultiert eindeutig und klar, dass zwar nicht um jeden Preis diagnostiziert und therapiert wird, aber die Konzentration, durch perfekt gesteuertes Marketing auf das Privatklientel und auf die medizinisch notwendigen IGeL Leistungen, die immer wieder – und zwar schon seit langer Zeit –
sehr massiv verteufelt werden (siehe Infobrief von uns: Nr. 1/2012 “IGeL-Vergiftung“ und Nr. 2/2014 „IGeL gehören dazu“, Autor: Joachim Zieher und aktuellster Studie), ethisch unangreifbar ist, da ansonsten die hilfsbedürftigen Patienten nicht mehr ausreichend behandelt werden können, und ist kaufmännisch notwendig.
Das Gebot der Rationalisierung (nicht Rationierung) trifft den Unternehmer Arzt, zusammen mit seinen Grundherausforderungen als Unternehmer,
die da sind:
Einhalten der kaufmännischen Grundprinzipien:
- Das oberste Prinzip heißt: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht!!!
- Weitere Prinzipien: Wo Chancen sind, sind Risiken.
(Wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt: „Herr Doktor, ich habe eine 100%-ige Sache”. Nur mit Chancen, keinen Risiken, schicken Sie ihn nachhause.) - Nutzungskongruentes Finanzieren (moralische AfA = Erneuerung der Geräte aufgrund des technischen Fortschrittes, ausgelöst durch die ethische Verantwortung seines Berufes.)
- Liquidität geht vor Rentabilität und Effektivität.
Aktiv eingesetzte Managementkompetenz durch:
- Führungserfahrung,
- Marketingerfahrung,
- gutes Berichtswesen durch aktuelle betriebswirtschaftliche Auswertungen, aufgrund engen Kontaktes zum Steuerberater,
- Internetpräsenz,
- Fähigkeit zur Selbstkritik, zumindest im Umgang mit sich als Unternehmer.
3. Spannungsfeld: „Befehlsempfänger und Vorschriftengetriebener“ (Bürokratisierungsmonster)
– Antikorruptionsgesetz für Ärzte –
Viel Lärm um nichts – heute redet kaum jemand mehr darüber. Doch eines ist absolut festzuhalten: Es hat die Ärzteschaft mit Recht aufgewühlt. Es wirft sich die Frage auf, worin die Gründe liegen mögen, wenn durch dieses Gesetz der Generalverdacht impliziert wurde und in einer seltenen Einigkeit von Regierung und Opposition dieses Gesetz verabschiedet wurde.
– GKV-VSG –
Auch hier war das Gesetz mit sehr viel Lärm attackiert worden. Keiner spricht mehr davon.
4. Spannungsfeld: „Mediengetriebener“
Schlagzeilen wie:
- Haftstrafen für korrupte Ärzte
- Antikorruptionsgesetz für Ärzte
- Härtere Strafe für korrupte Ärzte (FAZ 24.03.2016)
- Gründung einer Sondereinheit für korrupte Ärzte
Die fröhlich-süffisante, negativ über Ärzte berichtende Presse, die “raffgierige, streikende, Patienten aussperrende, pfuschende und korrupte Ärzte”, immer wieder auf ihrer Agenda hat, ist nicht müde, dies gebetsmühlenartig immer wieder zu erwähnen. Lauterbach befeuert durch die im letzten Infobrief dargestellten Aktivitäten dieses Spannungsfeld massiv (dem ist nichts hinzuzufügen).
¹ Quelle: Urban Wiesing/Georg Marckmann „Freiheit und Ethos des Arztes“ Herausforderungen durch evidenzbasierte Medizin und Mittelknappheit, VERLAG KARL ALBER, Seite 52 ff
Weitere Mitteilungen für Mediziner finden Sie auf www.verrechnungsstelle.de

Autor
Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
E-Mail